Das Wissen im Zeitalter von künstlicher Intelligenz.

Das Wissen im Zeitalter von künstlicher Intelligenz.

Future Work 10 min. Lesezeit

Wissen und Macht stehen in einem innigen Verhältnis zueinander. Warum ist das so? Und ändert sich das im Zeitalter der digitalen Vernetzung, New Work und künstlichen Intelligenz?

Wissen ist Macht. Diese berühmte Formulierung wird in der Regel dem Philosophen Francis Bacon zugeschrieben, wenngleich sich die damit verbundene Idee bis in die Antike zurückverfolgen lässt. Mit Macht ist hier vor allem die Macht gemeint, die sich aus Wissen ableitet. Im Grunde genommen handelt es sich dabei also vor allem um Techniken zur Beherrschung der Natur. Angefangen bei der Kultivierung von Land über die Entwicklung der Dampfmaschine bis hin zur Raketenwissenschaft. In diesem Sinne ist die von Bacon formulierte These bis heute die Grundlage für einen Fortschrittsoptimismus, der sich auf die Entwicklung neuer Technologien stützt. „Mächtige“ Techniken in diesem Sinne sind beispielsweise Nanotechnologie, Gentechnologie oder auch Robotik. Sie alle basieren auf empirisch gewonnenem Wissen über die Natur.

„Wissen und Macht des Menschen fallen zusammen, weil die Unkenntnis der Ursachen auch die Wirkung verfehlen lässt.”

Francis Bacon, Novum Organum Scientiarum (1620).

Gibt es Macht ohne Wissen?

Dieses Verständnis von Macht, Wissen und Fortschritt ist auch grundlegend für das digitale Zeitalter. Der Optimismus, dass neue Technologien wie Smartphones und andere intelligente Maschinen uns eine bessere Welt bringen, ist das Credo vieler Gründer im Silicon Valley. Aber haben deren Unternehmen deswegen so viel Macht, weil sie über ein spezielles Wissen über die Natur und daraus abgeleitete Techniken verfügen? Auch wenn es unbefriedigend ist: Die Antwort kann nur „vielleicht“ lauten. Denn die Wahrheit ist wie so oft komplizierter. Zunächst deswegen, weil Macht auch ganz unabhängig von Wissen existiert.

Das Verhältnis von Wissen und Macht ist also längst nicht so einfach wie Francis Bacons bekannte Formel das impliziert. Vielmehr galt lange Zeit auch: Macht ist Wissen. So war es nur wenigen Menschen vorbehalten, Wissen anzusammeln. Es wurde in weltabgewandten Orten wie in Klöstern oder an Höfen gesammelt, kultiviert und gehortet, und war dadurch nur einer kleinen Minderheit zugänglich. Die neuen Verbreitungsmöglichkeiten im Internet sollten diese Zusammenhänge durcheinander bringen und Wissen für jeden zugänglich machen. So zumindest die Hoffnung.

Der Traum vom freien Zugang zum „Wissen“

Das Internet galt – nach der Frühphase rein militärischer Nutzung – zunächst als große Befreiungsmaschine. So lautete das Credo der IETF (Internet Engineering Task Force): Wir wollen keine Könige, Präsidenten und Wahlen. Wir glauben an einen groben Konsens und an ablauffähigen Code. Jedem sollte es möglich sein, kostenlos auf alles Wissen der Welt zuzugreifen – den Zugang zum Netz natürlich vorausgesetzt.

Aus heutiger Perspektive wissen wir, dass dieses Versprechen nicht vollständig eingelöst wurde. Zunächst deswegen, weil im Internet nicht generell Wissen verfügbar gemacht wird, sondern Informationen. Und schon die schiere Menge der Informationen macht ihre freie Verfügbarkeit zu einer ambivalenten Angelegenheit. Der Aufstieg der neuen Ordnungsmacht von Google ist eine logische Konsequenz aus der Fülle an unüberschaubaren Informationen, die im Netz verfügbar sind. Aber auch Facebook ist in diesem Sinne eine neue Ordnungsmacht: Hier werden Informationen nicht nach Relevanz angezeigt, sondern in Abhängigkeit des persönlichen Netzwerkes.

Noch aus einem anderen Grund ist der freie Zugang zu Information im Netz problematisch. Die Herkunft von Informationen ist im Netz viel leichter zu verschleiern und spielt im Bewusstsein mancher Nutzer nur eine untergeordnete Bedeutung. Wissenschaftliche Erkenntnisse stehen gleichbedeutend neben werblichen Inhalten von Unternehmen und Fake News. Mehrere Studien belegen, dass insbesondere jüngere Nutzer bei den Google-Suchergebnissen eine Anzeige nicht von einem echten Suchtreffer unterscheiden können. Auch die Trennung zwischen „Sponsored Content“ und unabhängiger Berichterstattung verschwimmt zunehmend.

Die Ordnung des Wissens

Das ist deswegen problematisch, weil Informationen erst zu Wissen werden, indem sie von Menschen verstanden und miteinander verknüpft werden. Als Wissen werden Informationen also in eine bestimmte Ordnung gebracht. Jede Zeit und jede Kultur findet dabei ihre eigene Ordnung, in der sie Wissen organisiert und auch legitimiert (beispielsweise durch Institutionen wie die Wissenschaft, die Kirche oder die freie Presse).

Dass Wissen nie ohne einen historischen Index auskommt, ist eine der Kernaussagen von Michel Foucaultdem Denker von Wissen, Macht und Diskursen. Anerkanntes oder gültiges Wissen folgt demnach bestimmten Regeln, die sich jedoch im Laufe der Zeit stark verändern können. Um zu verdeutlichen, was damit gemeint ist, hilft der Vergleich zweier Ordnungssysteme. In seinem berühmten Werk Die Ordnung der Dinge zitiert Foucault aus einem Werk von Jorges Luis Borges eine Wissensordnung, die für unsere Ohren geradezu absurd klingt. Tiere werden gruppiert in:

„a) Tiere, die dem Kaiser gehören, b) einbalsamierte Tiere, c) gezähmte, d) Milchschweine, e) Sirenen, f) Fabeltiere, g) herrenlose Hunde, h) in diese Gruppierung gehörende, i) die sich wie Tolle gebärden, j) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind, k) und so weiter, l) die den Wasserkrug zerbrochen haben, m) die von Weitem wie Fliegen aussehen.“

Jorge Luis Borges, Die analytische Sprache von John Wilkins.

Dabei handelt es sich um eine (zwar fiktive) Ordnung, von der Borges in seinem Essay behauptet, sie sei „einer gewissen chinesischen Enzyklopädie“ entnommen. Nehmen wir diese Fiktion aber für einen kurzen Moment ernst, wird der fiktionale Charakter unserer eigenen Ordnungen erkennbar. Wie abwegig müsste es jemandem, der nur mit dieser Ordnung vertraut ist, vorkommen, Tiere in einer Enzyklopädie nach ihrem Anfangsbuchstaben zu sortieren?

Wissen im digitalen Zeitalter

Dieses Gedankenexperiment wirft ganz allgemein die Frage auf, wie wir unser Wissen organisieren und wie überhaupt etwas zu Wissen werden kann, während andere Dinge aus der Ordnung des Wissens ausgeschlossen bleiben. Foucaults These ist, dass sich in der Ordnung unseres Wissens immer auch die herrschenden Machtverhältnisse widerspiegeln. Er geht sogar so weit zu sagen, dass es kein Wissen gibt, in dem nicht auch zugleich ein Machtverhältnis zum Ausdruck gebracht wird.

Das Beispiel von Foucault zeigt eines ganz deutlich. Wer über die Ordnung des Wissens entscheidet, entscheidet auch darüber, was relevant ist und ob es als wahr und anerkannt gilt. Heute entscheiden jedoch oft Algorithmen und Unternehmen wie Facebook und Google, was sich uns als Information zeigt und woraus sich entsprechend unser Wissen formt. Alle Informationen, die nicht Teil dieses Systems sind, können auch nicht den Weg in unser Wissen finden. Das heißt in  letzter Konsequenz auch, dass sie nicht unser Handeln bestimmen können.

Dieser Umstand macht den blinden Fleck des digitalen Zeitalters sichtbar. Alle Informationen, die nicht digitalisiert oder nicht digital abbildbar sind, können nicht Teil des Wissens von denen werden, die sich ausschließlich auf digitale Medien zur Informationsbeschaffung verlassen. Insofern ist auch fraglich, inwiefern wir wirklich in der vielbeschworenen Wissensgesellschaft leben.

Leben wir in der Wissensgesellschaft?

Der Begriff geht auf den Ökonom und Pionier der Managementlehre Peter Drucker (1909-2005) zurück. Er beschreibt damit eine Gesellschaft, in der Wissen die Grundlage des sozialen Zusammenlebens und der Ökonomie ist. Aus heutiger Perspektive ist die Bezeichnung „Wissensgesellschaft“ fragwürdig: Zwar ist es leichter als jemals zuvor, informiert zu sein. Informationen sind jederzeit und potenziell überall verfügbar.

Informationen und Kommunikation haben aber nicht zwangsläufig Wissen zum Inhalt. Zu einer aktiven und produktiven Auseinandersetzung mit Wissen gehört die Beschäftigung mit der ÜberprüfbarkeitNachvollziehbarkeit und Begründbarkeit von Wissen. Davon abzugrenzen sind Debatten, die sich um Meinungen, Glauben, Gerüchte und Vermutungen drehen. Die Frage, die sich angesichts der heutigen Situation also stellt, ist die nach den Fähigkeiten, die jeder einzelne benötigt, um sich im Spannungsfeld von Wissen und Macht zu positionieren.

Welches Wissen brauchen wir heute und in Zukunft?

Auch in Zukunft wird Wissen im Zentrum von wirtschaftlicher Produktion, individueller Entfaltung und gesellschaftlicher Organisation stehen. In einer Zeit jedoch, in der immer mehr Prozesse der Automatisierung, Digitalisierung und Transformation unterliegen, ist die Frage nach dem persönlichen Verhältnis von Wissen und Macht wichtiger denn je.

Eine der unbequemen Konsequenzen aus der derzeitigen Entwicklung ist, dass viele Menschen durch die Entwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz und der fortschreitenden Automatisierung aus allen möglichen Wirtschaftssektoren herausgedrängt werden könnten. Was bedeutet das für unser Verhältnis zum Wissen? Welche Fähigkeiten und welches Wissen benötigen wir in Zukunft? Wie wird das Verhältnis von Wissen und Macht aussehen?

Die folgenden drei Thesen sollen einen Anhaltspunkt geben, um Fragen wie diese zu klären:

  • Heute und in Zukunft wird die Fähigkeit, sich neues Wissen aneignen zu können, wichtiger sein, als über eine große Menge Wissen zu verfügen. Die Halbwertszeit von Wissen wird immer geringer. Vor wenigen Jahrzehnten befähigte ein einmal erlerntes Wissen Menschen dazu, bis zum Renteneintritt Kapital daraus zu schlagen. Heute sind die Zyklen, in denen Wissen veraltet, heute viel kürzer geworden.
  • Ebenfalls immer wichtiger wird es sein, Wissen über Wissen zu haben. Zu wissen, wie Wissen entsteht, woher ein bestimmtes Wissen kommt und warum es sich zeigt beziehungsweise angezeigt wird, ist oft wertvoller, als über viel Wissen zu verfügen. Diese Form von Meta-Wissen, also einem Wissen über das Wissen, macht Menschen unabhängiger. Zudem schützt es sie vor Beeinflussung und macht sie dadurch in ihrem Handeln frei.
  • Schließlich wird Wissensarbeit eine immer wichtigere Rolle spielen. Im Vergleich zur Lernfähigkeit, bei der es um die Aneignung von Fähigkeiten und Wissen geht, unterscheidet sich die Wissensarbeit dadurch, dass sie neues Wissen schafft. Sie zeichnet sich durch die Notwendigkeit aus, sich in neuen, komplexen oder unvorhergesehenen Situationen neuartiges Wissen anzueignen oder Wissen zu schaffen, das innovative Lösungen möglich macht. Dazu ist es notwendig, das eigene Wissen immer wieder kritisch zu überprüfen. Wissensarbeit wird einen zentralen Stellenwert in der Arbeitswelt einnehmen – auch weil sie das Gegenteil der Automatisierung darstellt. Sie hat eine aktive, individuelle Komponente und steht damit quer zur Smart Factory, zu Chatbots und Robotik. Wissensarbeit kommt überall da zum Einsatz, wo schnell kreative Lösungen gefragt sind.

Wissen als Grundlage für unser Handeln

Noch aus einem weiteren Grund wird das Wissen auch in Zukunft eine entscheidende Rolle spielen. Wissen und Macht stehen sich auch deswegen so nah, weil sie über das Handeln miteinander verbunden sind. Wissen bildet eine Ausgangsbasis für Entscheidungen und aus diesen leitet sich wiederum unser Handeln ab. Darum werden auch zukünftig erfolgreiche Personen oder Organisationen diejenigen sein, die ihr Wissen so effektiv wie möglich organisieren könne. Nützliche Mittel, um dieses Ziel zu erreichen, können neue Technologien wie Netzwerke, KI, Chatbots und virtuelle Assistenten sein. Mindestens ebenso wichtig sind aber die individuellen Fähigkeiten zur Wissenserzeugung, zur Wissenserweiterung und zum Wissenstransfer.

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