Keine Frage der Erlaubnis: Vom mündigen Bürger zum mündigen Arbeitnehmer
Keine Frage der Erlaubnis: Vom mündigen Bürger zum mündigen Arbeitnehmer | © Rawpixel @ Shutterstock.com

Keine Frage der Erlaubnis: Vom mündigen Bürger zum mündigen Arbeitnehmer

Die älteren Semester unter uns (vielleicht kommt es auch heute beizeiten vor) kennen noch die entsetzte Frage der Studienberaterin, ob man denn wirklich nach seinen Neigungen studieren wolle oder sich nicht doch auch etwas „mit Substanz“ vorstellen könne.

Neigungen und besondere Kenntnisse jenseits des klassischen Karriereweges zu haben, wirkt hierzulande häufig immer noch verdächtig (selbst in der populären Jugendbuchliteratur findet sich der pädagogisch gewollte Antagonismus von „Broterwerb“ und „Neigungstätigkeit“). Neigungen zählen angesichts der Verpflichtungen, denen man Folge zu leisten hat, nichts. Vielmehr  behindern sie eher das eigene Fort- und Auskommen.

Ist denn aber nicht gerade Arbeit 4.0 eine Form der Neigungsarbeit und wieso hat es diese in der deutschen Arbeitskultur nach wie vor so schwer?

Die Digitalisierung steht in Deutschland generell unter dem Verdacht, als Instrument der „Machthaber der Technologien und Algorithmen“ dazu zu dienen, die Herrschaft über die Welt an sich zu reißen. Man muss sich schon arg wundern, in welcher Diktion hier die etablierten Vertreter der Offline-Kultur auf die digitalen Herausforderungen reagieren. Es ist erstaunlich, dass die Offliner seit dem Beitrag des CDU/CSU-Abgeordneten Heveling über die „digitalen Maoisten“ und den „digitalen Totalitarismus“ anscheinend nach wie vor ernsthaft vom Untergang des Abendlandes ausgehen. Dass hiermit CDU/CSU-Fraktionsmitglieder in seltener Eintracht mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) handeln, verwundert aber nur auf dem ersten Blick.

„Achtsam bleiben“ ist der Beitrag des DGB zur Digitalisierung überschrieben. Vielleicht ist gerade die Wahl einer solchen Überschrift die implizite Erklärung für die parteiübergreifende Ablehnung der neuen digitalen Realität. Da passt es dann auch ganz wunderbar ins Bild, dass ausgerechnet die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung immer wieder den demokratischen Charakter und den demokratischen Nutzen der Digitalisierung in Frage stellt. Aber auch an anderer Stelle wird der demokratische Charakter der digitalen Kommunikation in Frage gestellt.

Vielleicht ist die emotionale Reaktion auf neue digitale Logiken und Prozesse Zeichen der Erkenntnis, dass tradierte – eigene – Machtbereiche ins Wanken geraten?

Demokratie in Unternehmen als Folge von Arbeit 4.0?

Gerade erst ist unser BarCamp Arbeiten 4.0 in Berlin zu Ende gegangen (Berichte zum BarCamp finden sich beispielsweise bei Gunnar Sohn, Winfried Felser, CapGemini, Lars Hahn. Weitere Beiträge finden sich auf unserem Blog (Auswahl) von Gunter Dueck, Klaus Burmeister, Roland Panter, Johannes Korten, Stephan Grabmeier).

180 Menschen haben sich einen Tag lang über die Konsequenzen der Digitalisierung für die Wirtschaft und die Unternehmen unterhalten. Es ging um die Abflachung der Hierarchien, den Verlust von Herrschaftswissen, das Einstellen auf disruptive Geschäftsmodelle, das Arbeiten in agilen Netzwerken und den Grad der Selbstbestimmtheit bei der eigenen Arbeit. All diese Themen behandelten demnach im Kern die Frage von Macht, Flexibilität und Interpretationshoheit. Bereits vor fast zwei Jahrzehnten ging es im Cluetrain-Manifest von David Weinberger um die Machtfrage: „Wir haben echte Macht und das wissen wir auch.“

“#Digitalisierung unter Verdacht: Warum hat es Neigungsarbeit trotz #NewWork so schwer? #Arbeit40“

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Wenn nun beides zusammen betrachtet wird – die emotionalen Reaktionen der Offliner auf die Digitalisierung und die Erkenntnis, dass diese mit Machtverlust der bisherigen politischen und wirtschaftlichen Entscheider einhergeht – so wird deutlich, warum der digitale Wandel von den etablierten Institutionen und den in ihnen arbeitenden Stakeholder nicht unbedingt willkommen geheißen wird; er stellt ihr Selbstverständnis in Frage.

Trotzdem müssen wir uns aber mit den vielen Herausforderungen, die der digitale Wandel für uns alle mit sich bringt, beschäftigen (eine schöne Übersicht über die Auswirkungen des Disruptiven auf gewohnte Geschäftsmodelle und -abläufe findet sich aktuell auf dem Cisco-Blog). Die Frage, wie wir dieses Problem überwinden können, kann vielleicht ansatzweise durch die Ergebnisse unseres Arbeiten 4.0 Camps beantwortet werden.

Wir müssen in den Unternehmen Brücken bauen

Die Kulturen der Off- und der Onliner scheinen sich nach wie vor kaum zu überschneiden. Wir müssen für gegenseitiges Verständnis der jeweils eigenen Sichtweisen werben. Wenn die Logiken der Rechtsabteilungen, der Kommunikationsabteilungen, des Controlling und der IT auf die Arbeiten-4.0-Logik von Angestellten trifft, kann es nur Probleme geben.

Eine unternehmensinterne IT hat strikte Vorgaben, die sich an Maßstäben wie Skalierbarkeit, Kontrolle und Sicherheit orientieren. Das Arbeitsumfeld des Angestellten wird aber zunehmend bestimmt von digitaler Souveränität, Unabhängigkeit von großen Systemen und dem eigenen digitalen Device – damit sind wir dank der Digitalisierung ein Stück weit auf dem Weg zum mündigen Arbeitnehmer. Diese Mündigkeit ist durch keine Richtlinie der Welt zurückzudrängen. Es wäre daher begrüßenswert, wenn Konzernstabsabteilungen die Angestellten, die für sie arbeiten, zunehmend als Menschen mit eigenen Vorstellungen und Kenntnissen ansehen würden.

Digitalisierung ist keine Frage der Erlaubnis

Allzuhäufig wird im Unternehmenskontext die Digitalisierung der Arbeitsumgebung als Frage der Erlaubnis betrachtet, nach dem Motto: „Ist die Anwendung von Elementen des Arbeiten 4.0 durch die Richtlinie XY gedeckt?“ Hierin liegt vielleicht das größte Missverständnis auf Seiten der Offliner. Die Zeiten, in denen Selbstbestimmtheit und Nachdenken „erlaubt“ werden müssen, sind vorbei.

Die digitalen Devices bieten die Möglichkeit, einen parallelen eigenen Kanal der Kommunikation, des Miteinanders und des Arbeitens zu eröffnen (dasselbe gilt übrigens auch im Kontext der Schule). Dass überbordende Richtlinien, die versuchen, den Deckel auf dem kochenden Topf zu halten, kontraproduktiv sind, ist längst erwiesen. Also liebe Offliner, findet euch an dieser Stelle am besten mit eurem Machtverlust ab.

Das Digitale muss regionaler werden

Lange Zeit hat man sich hierzulande mit der Außenwahrnehmung von Berlin als einem der globalen HotSpots der Digitalisierung und der Start-up-Szene beruhigt und die Situation in Berlin mit der im gesamten Deutschland fälschlicherweise gleichgesetzt. Hierbei geht es weniger um den Aspekt der digitalen Infrastruktur, bei der wir uns auf dem Niveau eines Entwicklungslandes bewegen, sondern vielmehr um den Aspekt der Entwicklungsreife der digitalen Kultur.

Die Fokussierung auf Berlin ist aber in einem mittelständisch geprägten Land und seiner dezentralen Wirtschaftsstruktur mehr als problematisch. Das Augenmerk von Politik und Wirtschaftsverbänden sollte daher in Zukunft sehr viel mehr auf die Region – auf das SmartCountry – gelenkt werden.

Die Region vor Ort ist der Lebens- und Arbeitsraum, der die Menschen tangiert, in dem sie Veränderungen erleben. Egal ob es um die smarte Energieversorgung, den Online-Service der Städtischen Bibliothek, die kommunale Breitbandversorgung oder die Einbeziehung des Bürgers in Politik und Unternehmen geht – all dies findet vor Ort statt. Schon wieder haben die US-Firmen in dieser Frage die Nase vorn. Es wird Zeit, dass wir diesen Rückstand aufholen.

Die Digitalisierung ermöglicht dem Arbeitnehmer sehr viel mehr, seinen Neigungen entsprechend zu arbeiten. Unternehmen sind gut daran beraten, dieses Potenzial der eigenen Mitarbeiter rechtzeitig zu erkennen. Hierfür müssen Brücken zwischen den digitalen Kulturen gebaut werden.

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