Die Abstände, in denen sich Erfolge im Bereich Künstlichen Intelligenz (KI) einstellen, werden immer geringer. Sogar Experten äußern sich immer wieder überrascht von den Fortschritten. Einer der jüngsten Erfolge auf dem Gebiet der KI ist in diesem Zusammenhang besonders bemerkenswert. Der Künstlichen Intelligenz „Libratus“ gelang es, die weltbesten Spieler in der Poker-Variante „Heads-up No limits Texas Hold’em“ zu schlagen.

Dieses Ereignis ist in mehrerlei Hinsicht beachtlich. Allen voran deshalb, weil es (nach Schach, „Jeopardy!“ und dem chinesischen Go erneut) ein Spiel ist, von dem die längste Zeit angenommen wurde, dass Maschinen niemals den Menschen übertreffen werden. Zum anderen aber ist der Sieg von Libratus signifikant, weil es der KI gelungen ist, ein Spiel zu gewinnen, bei dem es ganz wesentlich darum geht, eine erfolgreiche Strategie zu entwickeln, ohne dass von Beginn an alle relevanten Informationen bekannt sind.

Was hat all das mit der Frage nach der Transformation der Rechtsbranche durch KI, Chatbots & Co zu tun? Um die Frage zu beantworten, welche Bedeutung die geschilderten Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz für den gesamten Bereich der juristischen Arbeit haben wird, ist es zunächst nötig die Frage zu beantworten, was diese Arbeit im Kern ausmacht. Finden sich dort feststehende Regeln, die einer KI vermittelt werden können, finden sich dort Tätigkeiten, die sich teilweise oder ganz automatisieren lassen?

Welche Rolle spielen intelligente Programme in der Arbeitswelt?

Sofern Fragen wie diese mit Ja beantwortet werden können, ist die Wahrscheinlichkeit, dass intelligente Programme juristische Aufgaben übernehmen können wird, sehr hoch. Die Zuspitzung dieser Frage auf ein generelles Ja oder Nein wird aber weder dem komplexen und vielfältigen juristischen Arbeitsalltag gerecht, noch trifft sie den Kern der Frage, welche Auswirkung KI auf die Arbeitswelt haben wird. Letzteres betreffend herrscht zu oft die Vorstellung vor, dass ein intelligentes Programm die Tätigkeit eines Menschen einfach ersetzen wird. Auf absehbare Zeit wird dies jedoch weder möglich noch sinnvoll sein. Das Potenzial jedoch, dass Künstliche Intelligenz die Rechtsbranche transformieren kann und in vielen Bereichen verändern wird, ist tatsächlich sehr hoch.

Was ist juristische Arbeit?

Eine stark generalisierte Definition von juristischer Arbeit lautet: Juristische Arbeit besteht aus der Anwendung von zuvor erworbenem juristischem Wissen, praktischer Erfahrung bei der Anwendung dieses Wissens und der Fähigkeit bestimmte Intentionen von Mandanten zu erkennen und zu verfolgen. Allein diese vereinfachte Definition zeigt bereits, dass nicht ein Aspekt von Intelligenz ausreicht, um die gesamte Palette juristischer Arbeit vollständig mit Künstlicher Intelligenz abzubilden.

Dennoch gibt es Aspekte juristischer Arbeit, die stark regelhaft sind. Insofern können diese auch von lernfähigen Programmen erlernt und nachgeahmt werden. Insbesondere in all denen Bereichen, in denen es um Textanalyse und Recherche geht, lassen sich zahlreiche Anwendungsszenarien denken.

Technologisch möglich vs. sozial-kulturell gewollt

Aber auch in weniger offensichtlichen Bereiche wie beim Kontakt mit Mandanten gibt es Möglichkeiten, um die Effizienz bei der Bearbeitung von Fällen zu steigern. Aussagen wie diese sind jedoch schwer allgemeingültig zu formulieren. Insbesondere weil es in sensiblen Bereichen, in denen es um Rechtsberatung geht, stark auf den persönlichen Kontakt ankommt. Hier vermischen sich unterschiedliche Fragestellungen.

Einerseits stellt sich die Frage, was technologisch möglich ist, und andererseits die Frage, was sozial, kulturell und ethisch möglich und gewollt ist. Gerade kulturelle und soziale Veränderungen werden einige Zeit benötigen, bis sie sich durchsetzen. Dabei kann jeder bei sich selbst überprüfen, wie die Vorstellung, sich von einem fahrerlosen Auto fahren zu lassen, oder bei der eigenen Krebsdiagnose eher einem Algorithmus als einem Arzt zu vertrauen oder sich in Finanz- oder Rechtsfragen von einer KI beraten zu lassen, wirkt.

Text-Mining und juristische Texthermeneutik

Eines der Kennzeichen von juristischer Arbeit ist der Umgang mit großen Mengen von Text. Einer der Kernbereiche juristischer Teilaufgaben ist entsprechend hermeneutischer Natur. Computer-linguistisch gesprochen handelt es sich um  semantische Textanalysen. Unter den zahlreichen Methoden und Technologien, die unter das Schlagwort Künstliche Intelligenz fallen, ist Text-Mining diejenige, mit der kurzfristig größten erwartbaren Auswirkungen für die Rechtsbranche.

Beim Text-Mining handelt es sich um eine Methode, bei der große Mengen an Textdaten nach bestimmten Kriterien und Regeln untersucht werden. Diese Methode ist schon einige Jahre alt, profitiert aber ebenso wie viele andere KI-Technologien von der gestiegenen Rechenleistung. Insbesondere durch Machine-Learning-Methoden konnte das Kontextverständnis beim Text-Mining derart erhöht werden, dass der „Sinn“ von Texten jenseits einer reinen Schlagwortsuche erkannt werden.

Ein Algorithmus ist niemals müde oder unkonzentriert

Mühselige Aspekte juristischer Arbeit lassen sich so teilweise automatisieren oder sehr viel effektiver als bisher gestalten. Insbesondere aufwändige Vertragsprüfungen lassen sich mit der Hilfe von Algorithmen sehr viel schneller, zuverlässiger und effektiver bewerkstelligen als dies Menschen – ob Jurist oder nicht – jemals könnten. Selbst umfangreiche Vertragswerke kann ein Algorithmus in kürzester Zeit analysieren.

Im Vergleich dazu lesen Juristen in der Regel diese Texte viel langsamer und mehrfach. Zunächst sehr schnell und in der Folge nicht selten ein zweites oder drittes mal selektiver und intensiver. Ein aufwändiger und fehleranfälliger Prozess. Text-Mining-Methoden haben demgegenüber wesentliche Vorteile. Sie sind nicht anfällig für Müdigkeit und Konzentrationsschwächen und können selbst einen Textkorpus von vielen tausend Seiten in kürzester Zeit auswerten.

Die neuen Geschäftsmodelle der Legal-Tech-Start-ups

Dass der technologische Fortschritt nicht einfach bestehende Arbeit ersetzt, sondern vielmehr die Grundlage für neue Geschäftsmodelle schafft, zeigt ein Blick in die Szene der Legal-Tech-Start-ups. Ist die Rechtslage relativ eindeutig, können Menschen hier zu einem wirtschaftlich vertretbaren Preis, Rechtshilfe in Anspruch nehmen. Beispiel: Verspätungen im Flugverkehr. Im Vergleich zum Streitwert hat es sich bisher nicht gelohnt, Rechtshilfe in Anspruch zu nehmen. Das Fluggastrecht ist allerdings eindeutig, wenn es um Entschädigungen gibt. Diesen Umstand nutzen Start-Ups wie Flightright oder Fairplane. Anfragen von Kunden werden automatisch in kurzer Zeit automatisch auf ihre Erfolgsaussicht geprüft.

Auch Immobilienverträge werden auf ähnliche Weise vom Start-Up Leverton analysiert und ausgewertet. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Algorithmen in der Lage sind, auch aus komplexeren und sogar umgangssprachlichen Texten, Sachverhalte herauszufiltern, die für eine juristische Beurteilung relevant sind. Die Wahrscheinlichkeit, dass dies gelingt, ist umso höher, je regelhafter diese Vorgänge und damit verknüpften Prozesse sind. Nur dann können Algorithmen wiedererkennbare Muster erkennen.

Die Rolle von Chatbots beim Kontakt mit Mandanten und im Backoffice

Auch Chatbots werden eine immer wichtiger Rolle spielen. Sie stehen sowohl an der Schnittstelle zwischen Mandant und Kanzlei, werden aber auch im Backoffice eine zentrale Rolle einnehmen. Immer vorausgesetzt, dass sie von den Mitarbeitern als Arbeitsinstrumente angenommen werden. Chatbots müssen nicht zwangsläufig auf Künstlicher Intelligenz basieren. Sie lassen sich auch auf Basis einer einfachen Schlagwortsuche betreiben. Künstliche Intelligenz verhilft ihnen aber zu weit mehr Fähigkeiten, insbesondere im Bereich der Spracherkennung. Bots und virtuelle Assistenten können dann die Funktion von Kollegen imitieren und in natürlicher Sprache angesprochen werden und antworten.

Chatbots im Backoffice

Chatbots können im Backoffice zur Effizienzsteigerung beitragen, indem sie schnell Informationen bereitstellen oder Aufgaben wie Terminplanung übernehmen. Sie können ein Schlüssel zu einem effektiven Wissensmanagement sein und so nicht nur die Arbeitsprozesse beschleunigen, sondern auch die Beratungsqualität erhöhen. Der zukünftige Erfolg von Chatbots steht und fällt mit zwei Faktoren.

Einerseits muss es gelingen, die „Persönlichkeit“ von Chatbots so zu gestalten, dass sie wie natürliche Personen wirken. Jeder, der bereits einmal versucht hat, mit Siri oder dem Google Assistenten ein Gespräch zu führen, kennt diesen Punkt, an dem man aufgrund der Unzulänglichkeit genervt ist. Der zweite Erfolgsfaktor ist die intelligente Vernetzung mit den entsprechenden Wissensdatenbanken, auf die Chatbots zugreifen können. Wenn irrelevante oder falsche Informationen vermittelt werden, werden Chatbots im Backoffice keinen dauerhaften Einfluss ausüben.

Chatbots an der Schnittstelle zum Mandaten

Etwas anders sieht es an der Schnittstelle zwischen Mandant und Kanzlei bzw. Gerichten aus. Hier könnten Chatbots eine andere Funktion erfüllen. Zum einen könnten sie als erste Anlaufstelle dienen, die bereits die wesentlichen Daten aufnehmen, das Vorhandensein der wichtigsten Dokumente sicherstellen und im besten Fall schon eine erste Einschätzung eines Falles abgeben.

Je nach Einsatzbereich könnten Chatbots damit zu einer erheblichen Erleichterung des Arbeitsaufkommens beitragen. Damit könnte beispielsweise der zum Teil dramatische Situation an Sozialgerichten könnte zukünftig entgegengewirkt werden. Der Erstkontakt mit Mandanten sowie alle Aufgaben, die routinemäßig ablaufen könnten, ließen sich mit der Hilfe von Chatbots teilweise oder ganz automatisieren. Eine zügigere Bearbeitung von Fälle ließe sich damit sicherstellen.

Digitalisierung als Voraussetzung für den sinnvollen Einsatz von KI

Eine der Grundvoraussetzungen für sinnvolle und funktionierende KI-Applikationen ist die Digitalisierung aller beteiligten Prozesse. Solange Vorgänge in Papierform durchgeführt werden, macht es kaum Sinn über die Auswertung durch eine KI oder den Einsatz von Chatbots nachzudenken. Alle Dokumente, die nicht digitalisiert sind, und alle Informationen, die nicht in digitaler Form vorliegen, sind nicht Teil der Auswertung.

Die Einführung des beA („besonderes elektronisches Anwaltspostfachs“) ist in dieser Hinsicht ein wichtiger Meilenstein. Das verpflichtende elektronische Postfach soll in erster Linie eine sichere digitale Kommunikation gewährleisten. Gleichzeitig stellt einen wichtigen Schritt zur Digitalisierung der juristischen Arbeit insgesamt dar.

Die Transformation juristischer Arbeit

Damit sind die derzeit wichtigsten Entwicklungen und Herausforderungen bei der Integration von KI im Bereich der juristischen Arbeit grob skizziert. Ein Blick in die USA zeigt, wie schnell Trends wie die hier vorgestellten zur Normalität werden könnten. Die erste Künstliche Intelligenz arbeitet bereits in mehreren US-amerikanischen Kanzleien wie Sedwick, Sidley und BakerHostetler als vollwertiger Anwalt in den Teams der Kanzleien.

Das Programm ROSS übernimmt die Recherche von Fällen und unterstützt seine Kollegen dabei, komplexe Fragen zu beantworten. Im Vergleich zu seinen menschlichen Kollegen steht ROSS dabei rund um die Uhr zu verfügung. Er scannt, wenn nötig, ganze Archive nach relevanten Textstellen im Gesetz oder nach vergleichbaren Rechtsfällen und Urteilen.

Neben Aufgaben wie diesen gibt es zahlreiche weitere Anwendungsfelder, in denen KI Erleichterungen und Verbesserungen in den juristischen Arbeitsalltag bringen kann. Da es sich nicht ausschließlich um eine technologische Entwicklung handelt, sondern auch eine kulturelle und soziale Komponente hat, benötigt der Transformationsprozess Zeit, um erfolgreich in die Praxis integriert zu werden. Wichtig für den Erfolg ist dabei vor allem die Perspektive bei der Herangehensweise.

Künstliche Intelligenz hat auch auf lange Sicht nicht das Potenzial, Juristen und juristische Arbeit vollständig zu ersetzen. Vielmehr geht es darum, routinemäßige Arbeiten teilweise oder ganz zu automatisieren, Wissensdatenbanken vollständig zu erschließen und die Beratungsqualität zu verbessern. Im Zuge dieser Entwicklung werden sowohl bestehenden Arbeitsprozesse digitalisiert und transformiert, es entstehen aber auch völlig neue Geschäftsmodelle.

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